Einige Gedanken zu Günther Grass’ “Was gesagt werden muss”

Ein Riesenwirbel provoziert das letzte Gedicht von Günther Grass „Was gesagt werden muss“. Grass macht das, was andere Intellektuelle, ängstliche, zu vermeiden trachten: verantwortungsvolle Position zu ergreifen. Der „engagierte Intellektuelle“ urteilt und fordert Diskussion, weil er die Wirklichkeit verändern möchte. Grass tut genau dies. Und stützt sich dabei auf das, was wir alle wissen. Dass der Iran eine gefährliche angehende atomare Theokratie ist, dass Israel eine atomare (wenn auch nicht gänzlich funktionierende) Demokratie ist (zwischen 70 und 200 atomare Sprengkörper soll sie besitzen), und dass beide sich in wortgewaltige und gewaltige Drohungen gebärden. Und nebenbei, allzu nebenbei erwähnt Grass auch die Palästinenser, Vertriebene, in einem Freiluftgefängnis lebende, der israelischen Apartheid ausgelieferte. Und wer in den palästinensischen Gebieten war und im Iran, kann Grass‘ Verse bestätigen, es ist wahrlich eine „vom Wahn okkupierte Region“.
Doch letztendlich zeigen die Reaktionen auf Grass Appell-Gedicht nur die Schwäche Europas. Anstatt sich tatsächlich mit den Versen Grass‘ zu konfrontieren, stürzt man sich in eine sterile dogmatische Antisemitismus-Debatte, die lediglich zum Ziel hat, die Sicht zu verdunkeln auf die Wirklichkeit. Wer die Kritiker der Säbel rasselnden, autoritären Politik Israels des Antisemitismus bezichtigt, hat ein Leichtes, weil der Staat Israel sich religiös definiert. Aber Israel-Kritiker sind nicht automatisch Antisemiten, Iran-Kritiker keine Islam-Gegner und Berlusconi-Kritiker keine Antikatholiken.
Ganz im Gegenteil, es geht darum, die großen Teile der israelischen Gesellschaft, die ihre derzeitige Regierung ablehnen und zuletzt leise geworden sind in ihrem Protest, zu unterstützen, mit ihnen zu solidarisieren, miteinander am internationalen Friedenswerk zu weben, um „letztlich auch uns zu helfen.“

Günther Grass – Was gesagt werden muss [zum Gedicht]

“Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.

Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten –
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er missachtet wird;
das Verdikt “Antisemitismus” ist geläufig.

Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot nach Israel
geliefert werden soll, dessen Spezialität
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muss.

Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.

Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muss,
was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir – als Deutsche belastet genug –
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen wäre.

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei des Westens
überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
den Verursacher der erkennbaren Gefahr
zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
gleichfalls darauf bestehen,
dass eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des israelischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,
mehr noch, allen Menschen, die in dieser
vom Wahn okkupierten Region
dicht bei dicht verfeindet leben
und letztlich auch uns zu helfen.”

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