Eine der interessantesten Neuigkeiten der herbstlichen Bucherscheinungen ist die wieder entdeckte Reportage/Erzählung von Egon Erwin Kisch „Die drei Kühe“, die den Weg des jungen Tirolers Max Bair und seiner drei Reisegefährten in den Spanischen Bürgerkrieg erzählt. Dem Brunecker Joachim Gatterer ist die Wiederentdeckung zu verdanken. Er ist Herausgeber des Bandes, und kommentiert und erläutert in einem umfassenden Nachwort sowohl Kischs journalistische als auch literarische Leistung, aber ebenso die literarische und historische Figur Max Bairs. Durch diese Publikation avanciert Gatterer endültig zu einem der besten Kenner der südtiroler, italienischen und österreichischen politischen Zeitgeschichte, zu denen er mehrere Veröffentlichungen aufweist. Es sei stellvertretend auf das Buch „Rote Milben im Gefieder“ (Studien Verlag) hingewiesen, in dem Gatterer einen zeithistorischen Längsschnitt durch den historischen Wandel der sozialdemokratischen, kommunistischen und grünalternativen Parteipolitik bietet.

Der Kleinbauer Max Bair verkauft seine drei Kühe (in Wahrheit waren es vermutlich zwei), um das nötige Geld  zu sammeln, das 1937 die Reise in die iberische Halbinsel ermöglicht, wo er den „rasenden Reporter“ Egon Erwin Kisch – schon damals international anerkannt – kennen lernt. Dort wird er zunächst den kommunistischen Interbrigaden, etwas später dem sogenannten Österreichischen Bataillon „12. Februar“ zugeteilt und in den Kämpfen um Quinto, zweihundert Kilometer westlich von Barcelona, schwer verletzt. Der am 28. April 1917 in Matrei am Brenner geborene Kleinbauer, der sich kaum mit Politik auseinander gesetzt hatte und schon gar keine theoretischen Werke kannte, lernt in Spanien den Marxismus kennen und die Liebe zur Lektüre. Diese erkennt er auch als Instrument sozialer Emanzipation.  1938, als sich die Niederlage der Republikaner anbahnt, wird Bair nach Frankreich evakuiert, später in die Sowjetunion übersiedelt und 1944 im Auftrag der KPÖ im Partisanenkampf in Slowenien eingesetzt. Nach Kriegsende in Österreich zurückgekehrt, wird er KPÖ-Sekretär in Tirol. Während viele ehemalige Nazis und deren Mitläufer rund um Bair ihren Platz in der österreichischen Gesellschaft weiterhin einnehmen und teilweise steile Karrieren erleben, bleibt Bair, der Kommunist in Tirol, ein Außenseiter, ein Fremdkörper in der eigenen Heimat.

1950 übersiedelt Bair schließlich mit seiner Frau in die DDR, wo er eine leitende Position in der für den Fünfjahresplan zuständigen staatlichen Plankommission besetzt.

Max Bair stirbt im Alter von 83 Jahren am 25. Juli 2000 in Berlin. Auf die Frage des Journalisten Günther Schwarberg, ob er noch an eine sozialistische Gesellschaftsordnung glaube, fand Bair eine entzauberte, aber nicht resignierende Antwort:“In meinem Leben wird’s nicht mehr, in der nächsten Generation wohl auch nicht. Aber es war doch nicht falsch, dass wir es versucht haben. Die nächste Generation und auch die übernächste, werden aus unseren Fehlern lernen, wie wir aus den Fehlern der Französischen Generation gelernt haben.“

Die literarische Figur Kischs wandelt sich, so wie das historische Vorbild, vom Kleinbauern zum akademisch Gebildeten, dem sich dadurch eine positive berufliche Laufbahn und ein gesellschaftlicher Aufstieg eröffnen. Demnach stellt sie eine Diskontinuität zu den Figuren Kranewitter oder Trenkers, deren „Helden“ stets in ihrer sozialen Enge verankert bleiben und denen keine wirklichen befreienden Ausbrüche gelingen.

Gatterer unternimmt den Versuch, die besonders in unseren Breitengraden in Vergessenheit geratene Figur Max Bairs, in das kollektive Geschichts-Bewusstsein zu verankern und die große Bedeutung, die Egon Erwin Kisch für den Journalismus und für die Literatur hat, erneut zu unterstreichen. Denn „ihn [Kisch, Anm.] nicht zu kennen bedeutet auch einen großen menschlichen Verlust.“ Das betonte der Literat Max von Grün bereits 1980 . Gatterers neueste Veröffentlichung ist uns dabei grundlegend behilflich.

Egon Erwin Kisch

Die drei Kühe. Eine Bauerngeschichte zwischen Tirol und Spanien

Mit Illustrationen von Amado Oliver Mauprivez

Herausgegeben und kommentiert von Joachim Gatterer

Raetia Verlag Bozen , 2012, 173 Seiten

ca. € 12, 50

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One thought on “Drei Kühe gegen Franco – Egon Erwin Kischs Reportage “Die drei Kühe” im Raetia Verlag neu erschienen

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