Tagebuch aus Palästina

Reise nach Palästina mit einer Delegation des Partito della Rifondazione Comunista, Juli/August 2009

Text und Fotos von David Augscheller

Aida

Rawan ist achtzehn und hat eben die Reifeprüfung mit 84 von 100 Punkten abgeschlossen. Mit diesem Ergebnis ist die aus Aida stammende Schülerin sehr zufrieden und zeigt sich stolz. Nun möchte sie Management studieren, in’shallah, so Gott will. Ich treffe Rawan in Ramallah, dem administrativen Zentrums der palästinensischen Territorien, wo sie mit der Unterstützung des Democratic Center an einem Friseuse-Kurs für junge Frauen teilnimmt. Aida. Was an Verdis Oper erinnert, ist in Wirklichkeit ein Flüchtlingslager bei Betlehem, der Geburtsstadt Jesu. Seit 1948 leben mittlerweilen drei Flüchtlingsgenerationen in Aida. Flüchtlinge im eigenen Land. Mit der Ausrufung des Staates Israel begann die israelische Regierung vor sechzig Jahren die Palästinenser aus ihren Dörfern zu vertreiben. In über zwölf Flüchtlingslagern haben sie sich vorübergehend nieder gelassen. Aber dieses Provisorium scheint ewig zu sein. In einem zweiten Konflikt, 1967 während des sechs-Tage-Krieges, sind neue Flüchtlinge hinzugekommen. Nun leben beinahe 800.000 Palästinenser als Flüchtlinge in Lagern auf der West Bank. So wie Rawan sind mehr wie die Hälfte der 5.000 Bewohner Aidas Teenager, die hoffnungslos in die Zukunft schauen, weil Gefangene. Die Flüchtlingslager werden von den UN verwaltet, dennoch fehlen primäre Infrastrukturen, wie etwa Krankenzentren, Kanalisationssysteme oder Spielplätze. Dadurch wird der Alltag der Flüchtlinge zu einem unvorstellbaren prekären Provisorium. Das Lager erhält durchschnittlich zwei bis drei Tage in der Woche zwei bis drei Stunden lang Wasser, es kam aber in den Sommermonaten auch schon vor, dass die Bewohner Aidas wochenlang im Trockenen ausharren mussten. Aber auch in den palästinensischen Gebieten außerhalb der Flüchtlingslager herrscht Wasserknappheit, weil Israel die gesamte Wasserwirtschaft kontrolliert und den Palästinensern weniger Wasser verkauft, als deren Verbrauch ausmacht. So wie an Wasser mangelt es in Aida auch an Platz. Weil das Flüchtlinslager, so wie alle Flüchtlinslager, räumlich genau eingegrenzt ist, kann es nur in die Höhe wachsen, sodass heute die einstigen Flüchtlingszelte durch mehrstöckige Gebäude ersetzt sind, die eng aneinander liegen und in die Höhe gewachsen sind, als führe der einzige Weg in die Freiheit durch die Lüfte, wo keine Mauer, keine Checkpoint und kein Stacheldraht den Alltag drohend eingrenzen. In den meist engen Gassen schlüpft kaum ein Auto. Zum Spielen ist auch wenig Platz, sodass die Kinder die Gassen beleben. Vor einigen Jahren haben einige Kinder in den anliegenden Olivenhainen eine kleine Fläche geebnet, um darauf Fußball zu spielen. Es war dies der einzige freie Spielplatz für die vielen Kinder des Flüchtlingslagers. Bis eines Tages vor drei Jahren die von Sharon gewollte berüchtigte Mauer auch Aida und Betlehem erreichte und das Lager von den Olivenhainen getrennt hat, obwohl diese auf palästinensischem Gebiet liegen. Aber auch das gehört zu den Ungerechtigkeiten der palästinensischen Geschichte. Zudem unterliegen die Flüchtlingslager immer wieder der Willkür der israelischen Militärs bzw. Polizei. In nächtlichen Aktionen kommen sie immer wieder zu Dutzenden, um Jugendliche zu verhaften. Dabei sparen die Militärs nicht mit dem Einsatz von Gewalt, wie die Dutzenden Einschusslöcher in den Häuserfassaden zeigen. Oft werden die Jugendlichen (nicht selten 16jährige und jüngere) wochenlang ohne Begründung inhaftiert. Dies ermöglicht die israelische Gesetzeslage, die wider jedem Menschen- und Bürgerrecht, die präventive Verhaftung vorsieht und die Palästinenser kollektiv als potentielle Terroristen einstuft. Zwei Tage vor unserer Ankunft in Aida ist es zum vorläufig letzten Einfall gekommen. Jugendliche erzählen uns wie dutzende Polizisten und Militärs schießend in das Lager eingedrungen und auf die Bewohner, auf die sie trafen, schlagend vorgegangen sind um einen Jugendlichen zu verhaften. Vor etwas mehr als einem Jahr hat ein Soldat direkt von seinem Wachturm entlang der Mauer aus in ein Flüchtlingshaus geschossen und dabei ein Mädchen getötet. Die Staatsgewalt macht auch nicht vor Schulen halt. Die Flüchtlingsschule, die wie in allen Flüchltingscamps, unter UN-Verwaltung steht, wurde mehrmals beschossen, sodass die Klassenfenster zugemauert werden mussten um die acht- bis dreizehnjährigen Schülerinnen zu schützen. Der Alltag in den anderen Flüchtlingslagern ist ähnlich. Auch im Flüchtlingslager in Ramallah ist der Alltag von Gewalt gekennzeichnet. Im Flüchtlingslager bei Ramallah begleiten uns Anhänger der People’s Party. Zunächst zeigen sie uns die sozialen Anstrengungen, die sie im Lager aufgebracht haben, um das Leben darin halbwegs erträglich zu machen und um die Voraussetzungen für ein annähernd normales Leben zu schaffen. Das Wort normal hat in einem Flüchtlingslager natürlich eine ganz besondere Konnotation. Trotz allem gibt es im Flüchtlingscamp einen Kindergarten, ein Seniorentreff, ein psychologisches Beratungszentrum, ja sogar einen Sportclub. Was für uns eine Selbstverständlichkeit ist, wandelt sich das Elementare im palästinensischen Kontext von Armut, Arbeits- und Hoffnungslosigkeit sowie Gewalt zu einer Form von Widerstand gegen die Besatzung. Immer wieder kommt es im und um das Camp zu Gewaltanwendung. Kinder werden immer wieder verhaftet, ja sogar getötet. Die Gefahr getötet zu werden steigt, wenn sich Kinder den israelischen Siedlungen nähern, wie es – so erzählen uns unsere Begleiter – vor einigen Monaten geschehen ist, als sich Kinder an eine Siedlung genähert haben und von ultrareligiösen Bewohnern beschossen wurden. Allein in den letzten sechs Monaten sind drei Kinder so getötet worden. Auch das gehört zum Alltag in Palästina. Alle hier erhoffen sich in den zukünftigen Friedensverhandlungen, dass ebenso auch die Rückkehr der Flüchtlinge thematisiert wird. Allein über zwölftausend Flüchtlinge aus dem Jahre 1948 aus 37 verschiedenen Dörfern des heutigen israelischen Staatsgebietes leben heute immer noch in den Flüchtlingscamps.

 

Bei’lin

Bei’lin ist ein kleines verschlafenes Dorf am geplanten Mauerverlauf. Die Dorfgemeinschaft Bei’lins ist ein Beispiel für den erfolgreichen Widerstand gegen die Mauer. Mit Hilfe von Anwälten und geschützt durch die Präsenz der vielen internationalen Aktivisten, konnte die Dorfgemeinschaft eine Änderung des Mauerverlaufs erzwingen. Mit Beschluss vom 5.9.2007 ordnete der israelische Gerichtshof eine Abänderung des Mauerverlaufs zu Gunsten der palästinensischen Gemeinde an. Allerdings ist der Grenzverlauf, bewacht von einem permanenten Wachposten, der alte geblieben, wie Nassir, ein Mitglied der Dorfinitiative gegen den Mauerbau, betont. Deshalb ginge es darum, den Widerstand mit pazifistischen Mitteln, fort zu führen und dabei neue Strategien zu wählen. So hat die Initiative auf Grund des internationalen Rechtes kanadische Firmen, die den Mauerbau durchführen, wegen Verletzung der Menschenrechte und Kriegsunterstützung angezeigt. Das Ergebnis des Prozesses wird für die nächsten Monaten erwartet. Jeden Freitag erwacht das kleine Dorf, als es zum Schauplatz des Widerstandes gegen den Mauerbau wird. Ein Ortskomitee gegen den Mauerbau organisiert nämlich wöchentlich einen Demonstrationszug vom Dorfkern zum israelischen Checkpoint, das den geplanten Mauerverlauf bewacht. Regelmäßig kontern die israelischen Soldaten mit einem grün-blauen Wasserstrahl, das eine ätzende Wirkung auf der Haut hat und mit starkem Tränengas. Am Demonstrationszug nehmen auch internationale AktivistInnen teil, wie uns Nassir erklärt und die wir später auch sehen und kennen lernen. Abdullah wurde mehrmals von den israelischen Militärs festgenommen und muss sich monatlich beim Bezirksgericht melden. „Wir laden internationale Aktivisten, auch Israeli, in unsere Häuser ein, damit diese die israelischen Inkursionen dokumentieren können. Die israelischen Militärs kommen meist vermummt in Gruppen zu dreißig, umzingeln die Häuser, schießen, dringen in die Häuser und nehmen Aktivisten, Funktionäre und Leaders fest.“ Seit zwei Wochen gäbe es keine Inkursionen mehr, aber sollten diese erneut statt finden, so würde das Komitee vermehrt internationale Pazifisten einladen. Von der Demonstration nach Ramallah zurück gekehrt, erfuhren wir am nächsten Morgen über die Newsletter des Komitees, dass in der Nacht im Rahmen einer Inkursion des israelischen Militärs 35 Menschen, darunter ein internationaler Aktivist und mehrere minderjährige Jugendliche, fest genommen worden sind.

 

Al Quds

Eine junge Polizistin, sie mag keine 25 Jahre haben, sagt es an der Kontrolle am Flughafen klar und deutlich, während sie sich die Dokumente und Materialien durchsieht, die wir aus Palästina mitgenommen haben: „Palästina gibt es nicht“. Hier zeigt sich der gordische Knoten des Problems. Weigerten sich die Palästinenser jahrzehntelang die Existenzberechtigung Israels anzuerkennen, eine Position, die mittlerweile sogar die islamistische Hamas erheblich aufgeweicht hat, ist das Festhalten an einem „Großisrael“, das die palästinensischen Territorien einverleibt, der gemeinsame Nenner weiter Teile der israelischen Gesellschaft. Aber Widerstand regt sich auch unter vielen Israelis. Die Refusnik, die Kriegsdienstverweigerer, sind ein Teil davon, so wie die abgeflaute Friedensbewegung „Peace Now“ oder die von Jeff Harper gegründete Organisaton ICAHD, deren Mitarbeiter Ita Mar uns deren Tätigkeit erläutert hat. ICAHD ist das Akronym für Israel Committee Against House Demolition. Die ICAHD organisiert alternative Stadtführungen durch Jerusalem, die die Siedlungspolitik der Stadtverwaltung und die Ausgrenzung der Palästinenser zeigen. Ita erklärt uns, dass die Stadtverwalter den Palästinensern in Ostjerusalem (ganz zu schweigen in Westjerusalem) kaum die Möglichkeit geben, eine Baukonzession zu erhalten. Deshalb würden die meisten Palästinenser Jerusalems illegal bauen. Von den ca. 40.000 Wohnungen seien mehr als die Hälfte ohne Genehmigung errichtet worden. Dies ist auch die Argumentation, worauf sich die Stadtverwalter in der Regel stützen, wenn sie Abrissverfügungen erlassen. Der Abriss palästinensischer Wohnungen gehört zu Strategie der Schaffung eines homogenen jüdischen Jerusalems. Saleh Ra’fat, Vorsitzender der linksgerichteten FIDA und Mitglied des OLP-Ausschusses, berichtet uns von einem Plan der Stadtverwaltung, wonach der palästinensische Bevölkerungsanteil Ostjerusalems von den heutigen über 30% binnen 2020 auf 12% reduziert werden sollte. Tatsache ist, dass die Palästinenser in Ostjerusalem de facto rechtlos sind. Die Abrissverfügungen erfolgen in der Regel aus administrativen Anlass (fehlende Baugenehmigung), aber in geringerem Maße auch auf Grund militärischer Verfügungen (das Gebiet, auf dem sich die Häuser befinden wird zur Militär- und Sicherheitszone erklärt) oder aus einer Logik der kollektiven Bestrafung (wenn ein Familienmitglied sich strafbar macht, so wird dessen gesamte Familie bestraft). Hat eine Familie einmal den Abbruchbefehl der Stadtregierung erhalten, können Stunden, Tage, Wochen oder gar Jahre vergehen, ehe das Haus tatsächlich auch abgerissen wird, mit der Folge eines enormen psychischen Stresses für alle Familienmitglieder. Ita zeigt uns in einer Jerusalemtour, wie Ostjerusalem langsam, aber sicher durch den Bau von jüdischen Siedlungen die ethnische Zusammensetzung der Stadt verändert. Die Siedlungen bilden mittlerweile fast ein Kontinuum, während zeitgleich die umzingelten palästinensischen Wohneinheiten zerstört und deren Bewohner zum Verlassen der Stadt gezwungen werden. Dazu gesellen sich weitere Benachteiligungen. Ita nennt uns ein paar Zahlen: Die Palästinenser stellen 36% der Bevölkerung Jerusalems, zahlen jedoch 40% der Steuern und erhalten gerade mal 7,2% des Gemeindebudget als Dienstleistung zurück; zweites Beispiel: während in den letzten Jahren die Palästinenser durchschnittlich 66 Liter Wasser täglich zur Verfügung hatten, konnten die Israeli über 250 Liter verfügen. Diese Zahlen verdeutlichen, die Strategie der ethnischen Homogenisierung der Stadt. Dabei legt Ita Wert darauf zu betonen, dass die Siedler in der Regel nicht aus rassistischen oder religiösen Gründen in die seattlements ziehen, sondern durch billige Preise, moderne Infrastrukturen usw. angezogen werden. Die Siedlungen stellen eines der größten politischen Probleme auf dem Weg zu einem dauerhaften Frieden dar. Denn die Trennmauer kann jederzeit abgerissen, die hunderttausenden Siedler hingegen nicht verlegt werden. Dies ist Teil der Strategie der vollendeten Tatsachen aller israelischen Regierungen. Die Besatzungspolitik beschränkt sich nicht nur auf die palästinensischen Gebiete. Die israelischen Regierungen sind seit langem bestrebt, sich sogar die Kultur der Palästinenser anzueignen. Am Ben Gurion Flughafen bewerben Plakate die vegetarischen Falal als israelische Produkte, so wie die berühmten Keramiken aus Hebron und sogar die eine oder andere Kefyah wird bereits der israelischen Kultur zugeordnet. Deshalb pocht die palästinensische Kulturministerin Siham Barghouti, die wir in Ramallah treffen, auf die zentrale Bedeutung der Kulturzentren in Ostjerusalem, die es mit aller Kraft zu unterstützen gilt, zumal Jerusalem (al-Quds für die Palästinenser) heuer Kulturhauptstadt im arabischen Raum ist. Jerusalem ist für die Menschen in der West Bank lediglich ein weißer unbekannter Fleck, denn dorthin zu fahren ist für die Bewohner der besetzten Gebiete unmöglich. Aus diesem Grund sei die Informationsarbeit in den Schulen, in den Kulturzentren und den Universitäten von größter Bedeutung. Ebenso werden Meetings und Camps für Kinder und Jugendliche aus Gaza, der West Bank und Jerusalem organisiert, an denen auch israelische Kinder teilnehmen, da der Dialog mit den Israelis (den es gibt, auch wenn er immer wieder auf Hindernisse stößt) Voraussetzung für den Frieden sei und die Bildung, dessen ist sich die Kulturministerin felsenfest sicher, sei die Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie. Die Ministerin will die erzwungene Abkapselung Palästinas überwinden, ihr Land zur arabischen Kultur, zu Europa öffnen, um nicht zuletzt, wie sie meint, „die Köpfe der Menschen ändern“.

Hebron, die Schöne

 

Hebron hat eine 5.500 Jahre alte Handelstradition. Seit vierzehn Jahren hat diese allerdings ein jähes Ende gefunden. Und der friedliche Alltag ebenso. Gegen 7 Uhr morgens des 25 Ferbuars 1994 ist der fundamentalistisch-orthodoxe Jude Baruch Goldstein aus der Siedlung Kiryat Araba bei Hebron in die Moschee eingedrungen und hat mit der eingeschmuggelten Feuerpistole M16 auf die betenden Muslime geschossen. 30 Palästinenser sind dabei gestorben, dutzende blieben verletzt. Der Attentäter selbst wurde überwältigt und zu Tode gelyncht. In den darauf folgenden Stunden sind im Rahmen der ausgebrochenen Kravalle weitere 20 Palästinenser von den Militärs getötet worden. Als Antwort auf diese Gräueltat ließ sich ein Hamas-Anhänger in einem Bus in Tel Aviv explodieren und riss 22 Menschen mit sich in den Tod. Weitere Anschläge folgten. Seitdem ist die Altstadt Hebrons eine militarisierte Zone, 1.500 Soldaten sind zum Schutz der 400 Israeli eingesetzt, die die Innenstadt Hebrons besiedeln. Die über 100 Militärsperren in der Stadt, die Schaffung einer Militärzone in der Innenstadt bedeuten de facto den wirtschaftlichen Tod der Stadt. Straßen wurden von den Soldaten abgesperrt, sodass die Käufer ausblieben, Geschäfte wurden aus Sicherheitsgründen und weil in die Militärzone fallend vom Heer geschlossen, die vielen Ausgangssperren (zwischen 2000 und 2003 583 Tage) haben den Handel lahm gelegt. 76% der Geschäfte sind mittlerweile geschlossen, 512 von der Polizei und 1141 auf Grund mangelnder Umsätze. Die Straßensperren behindern das soziale Leben Hebrons. Man muss riesige Umwege auf sich nehmen, um Freunde, Verwandte, Bekannte zu besuchen. Um den vom Zentrum wenige Gehminuten gelegenen Friedhof zu erreichen, müssen die Bewohner Hebrons einen Umweg von 12 Kilometern in Kauf nehmen. Der wirtschaftliche und soziale Tod Hebrons schleicht sich heran und äußeres Zeichen sind die verfallenden mittelalterlichen Häuser, die einst wundervolles Beispiel arabischer Architektur waren. Auch gegen diesen Verfall regt sich Widerstand. Ein Komitee zur Erhaltung der architektonischen Bausubstanz restauriert mit Hilfe internationaler Hilfe die historische Innenstadt. Der kleine Hussein führt uns in das Haus seiner Familie. Der Eintritt in das Haus erfolgt über eine enge Steintreppe und die drei oder vier Räume der Familie sind unregelmäßig über einander geschachtelt, wie überhaupt alle Gebäude der Hebroner Innenstadt verschachtelt sind, typisch für die mittelalterlichen Städte des Vorderen Orients. Hussein zeigt uns sein Schlafzimmer im letzten Stock. Es ist ausgebrannt. Die jüdischen Nachbarn, haben es im vergangenen Dezember in Brand gesteckt. Seitdem schläft Hussein auf einer Matratze im Freien, um eventuelle Eindringlinge auszumachen. In der Nacht vor unserem Besuch haben dieselben Nachbarn die Wasserbehälter von Husseins Familie auf der Terrasse beschädigt, sodass die gesamten Wasserreserven verflossen sind. Dieser alltägliche unilaterale Kleinkrieg belastet nicht nur Husseins Familie, sondern die gesamte Gemeinschaft Hebrons. Dagegen kann Hussein nichts unternehmen, denn die 400 jüdischen Siedler sind von Stacheldraht, Wachtürmen und 1500 Militärs geschützt. Ihre Wohnzone ist als Militärzone ausgewiesen und als solche nicht betretbar. Zudem werfen die Siedler Schmutz, Abfälle, Fäkalien und vieles mehr auf die engen Marktgassen. Die Palästinenser schützen sich Gitter und Planen. Wir betreten die Terrasse und als ich mich umdrehe erblicke ich in zwei Metern Abstand aus einem kleinen Fenster des gegenüberliegenden Wohnhauses den bedrohlichen Lauf eines Maschinengewehres, der auf mich gerichtet ist. Das ist der Alltag in Hebron, die schönste Stadt Palästinas. Sa’alam.

Das HWC

Yussuf Habbash ist Mitarbeiter des Health Works Committee und Vertreter Palästinas in der Arbeitsgruppe des so genannten Barcelona Prozesses. Der HWC-Sitz in Jerusalem wurde von den israelischen Behörden geschlossen, weil der Organisation terroristische Aktivitäten unterstellt werden. Damit werden in Israel die meisten Maßnahmen gegen die Palästinenser legitimiert. Habbash unterstreicht sofort einen für ihn zentralen Punkt: die palästinensische ist eine politische Frage und keine humanitäre. Diese sei sekundärer Natur. Die humanitäre und wirtschaftliche Hilfe aus dem Ausland sei natürlich von großer Bedeutung, aber die Lösung des Konfliktes und der Missstände könnten nur durch ein politisches Abkommen gelöst werden. Die israelische Vorgangsweise impliziere eine ganze Reihe von Problematiken, die die Palästinenser in existentielle Randsituationen dränge. Aber nicht nur. Das alles betreffe auch uns Europäer, denn die EU hat die Verwirklichung von verschiedenen Gebäuden von öffentlichem Interesse massiv ermöglicht, die im Zuge der israelischen Militärattacken aber gezielt zerstört wurden und werden, und die wiederum mit Hilfe der internationalen Gemeinschaft (und deren SteuerzahlerInnen) wieder aufgebaut werden. In Gaza trifft dies zur Zeit im Besonderen zu. Die israelische militärische und politische Strategie, vor allem der Siedlungsbau in der West Bank, habe gravierende Langzeitfolgen für die palästinensische Bevölkerung zur Folge. Habbash nennt vier Hauptfolgen: die Siedlungen hätten kein umfassendes funktionierendes Abwassersystem, sodass die umliegenden Gebiete vollkommen verschmutzt seien, was vermutlich mit ein Grund für die steigende Krebsrate in der palästinensischen Nachbarbevölkerung ist; durch die ständigen Militärinkursionen in palästinensische Dörfer und Flüchtlingslager leiden vor allem die Kinder, aber auch die Frauen und älteren Menschen unter einem großen psychologischen Stress; ein zusätzliches Problem für das palästinensische Gesundheitssystem sind die vielen Invaliden, die seit der zweiten Intifada zugenommen haben; oft hinterlassen die Verhaftungen und Inhaftierungen in den israelischen Gefängnissen schlimme psychologische Folgen, wobei nicht nur Männer davon betroffen sind, sondern auch Frauen, die oft mit ihren Babys in die Gefängniszellen landen und sogar Kinder. Wenn man bedenkt, dass, so Habbash, in „jeder Familie fünf oder sechs Personen bereits in israelischen Gefängnissen waren“, so kann man sich annähernd vorstellen, wie groß das Problem ist.

 

Shalits Erzählung

Shalit sitzt würdig auf ihrem Sofa, als sie uns ihre Geschichte erzählt. Eigentlich müsste sie eine gebrochene Frau sein, zumindest würde man sich dies erwarten, nachdem man ihren Erzählungen gelauscht hat; vielmehr ist sie zornig, sie geratet in einen Redeschwall, der unserem Übersetzer Schwierigkeiten bereitet, ihrem Tempo zu folgen. Lassen wir sie erzählen: „Ich bin Mutter von sieben Kindern. Immer wieder wurden sie verhaftet, zurzeit sind zwei meiner Kinder in israelischen Gefängnissen. Meine Tochter ist eben zu dreieinhalb Jahre Gefängnisstrafe verurteilt worden, mein Sohn ist auch noch in Haft, ich kann aber meine Minder nicht besuchen. Im Gefängnis gibt es keinen Unterschied zwischen Mann und Frau. Nach der ersten Intifada wurden es uns eineinhalb Jahre lang, unser Haus zu betreten, sodass wir Notunterkünfte suchen mussten (als ob das Haus im Flüchtlingslager keine Notunterkunft sei). Einer meiner Söhne verbrachte insgesamt einundzwanzig Jahre in israelischen Gefängnissen und ist jetzt psychisch und physisch zerstört (er steht vor uns, kann nur schwerlich sprechen, hat nervöse Ticks und ist gehbehindert).“ Jetzt fährt ihr Sohn weiter. Er erzählt von sich. „Ich begann mich 1973 politisch zu engagieren und wurde deshalb 1977 das erste Mal verhaftet. 65 Tage wurde ich in präventive Einzelhaft gehalten. Ich gehörte der Fatah an. Es folgten weitere drei Haftzeiten, insgesamt 21 Jahre. Jetzt bekomme ich, dank der Unterstützung vieler Freunde, eine kleine „Rente“ von der OLP. Das letzte Mal als ich verhaftet worden bin, war ein Verantwortlicher des israelischen Geheimdienstes bei mir, der mir verschiedene Terroranschläge angelastet hat. Aber auch wenn ich eine religiöse Anschauung habe, so will ich eine Zwei-Staaten-Lösung. Wenn Arafat einen Staat bekommt, so will ich meine politischen Aktivitäten beenden. Das habe ich denen erzählt. Sie haben mir nicht geglaubt. Aber ich habe dann immer wieder erwidert, dass ich nicht gegen Israel bin.“ Jetzt meldet sich wieder die Mutter zu Wort: „Einmal haben sie meinen Sohn vor meinen Augen misshandelt. Sie wollten Namen wissen, aber er hat ihnen lediglich gesagt, sie könnten ihm auch die Haut abziehen, er könne ihnen nichts sagen. Mir verweigern sie die Reise nach Mekka, ich möchte seit Jahren dorthin, weil meine Kinder Aktivisten sind und ich deshalb als unerwünschte Person keine Ausreisegenehmigung erhalte. Eine andere Frau wurde in der Schule, wo sie arbeitet, festgenommen und vier Tage ins Gefängnis gebracht. Man hat ihr vorgeworfen, eine Waffe für ihren Sohn versteckt zu haben. Mit ihr wurden dann noch zwei weitere Kinder von ihr verhaftet. Die Israeli haben ihr auch Geld angeboten, wenn sie gegen ihren Sohn ausgesagt hätte, aber sie hat ihnen einfach gesagt, dass man sie auch töten könne, sie hatte einfach nichts versteckt. Nach einem Monat haben die Israeli die Frau in Ruhe gelassen.“ Zuletzt wird Shalits Sohn noch kämpferischer: „Europa soll eine eindeutige Linie einnehmen und das palästinensische Volk unterstützen. Für einen gefangenen Soldaten haben die Israeli einen Krieg geführt, wir haben 11,000 Verhaftet und niemand tut etwas.“

Das PARC (Palestinian Agricultural Relief Committee)

Das Land, das eine bestimmte Zeit brach liegt, kann von der israelischen Regierung, die ein entsprechendes Gesetz aus der britischen Kolonialzeit übernommen hat, enteignet werden. Ab der Oslo-Verträge hat sich der Konflikt um Land und Wasser beschleunigt. Die PARC will die Landwirte ansprechen, ihre Äcker anzubauen, weshalb die PARC traditionelle Anbauformen und Wasserspeicher fördert. Auch Programme für biologischen Anbau, für natürliche Kompostierung und für eine nachhaltige Landwirtschaft sind in Gange. Der biologische Anbau stellt eine Marktnische, in einem Markt, der vollkommen von den Israelis abhängt. Aber die mehr als 600 israelischen Checkpoints blockieren nicht nur die Individuen, sondern unsere gesamte Wirtschaft. Oft werden die LKWs stundenlang an den Checkpoints blockiert, sodass die Ware in der glühenden Hitze oft zu verderben droht. Aus diesem Grunde sind die Landwirte nicht immer imstande für die Frische der Produkte und deren Qualität zu bürgen. Dennoch investiert die PARC in den Export, aber auch in den palästinensischen Binnenmarkt. Die Landwirte exportieren langhaltende Produkte wie Cous Cous, Datteln, Olivenöl, Trockentomaten. Gute Beziehungen zur CTM, zu anderen Fair Trade-Organisationen oder zur Banca Etica geben den palästinensischen Bauern noch etwas Hoffnung. Innerhalb der PARC ist man für den Boykott der israelischen Produkte, vor allem jene, die von den Siedlungen kommen, weil diese illegal seien und arabische Produkte als israelische verkauft. Die Agrarprodukte seien Teil der palästinensischen Identität, weshalb die Landwirtschaft mit allen Mitteln zu unterstützen sei. Die PARC bietet aus diesem Grunde den Bauern Gesundheitsversicherungen zu günstigen Bedingungen an, sowie eine finanzielle Unterstützung aus einem Zusatzfonds, weil ein palästinensischer Landwirt im globalen Markt nicht konkurrenzfähig ist. Die Unterstützung der Landwirtschaft hat aber auch eine wichtige soziale Zielsetzung. So hat etwa die Unterstützung von Frauenkooperativen und einzelner Bäuerinnen die Rolle der Frau innerhalb ihrer Familien gestärkt, weil sie über ein eigenes Einkommen verfügen. Dies hat auch größere Auswirkungen gehabt. Man sieht das daran, dass viele Frauen in verschiedenen Gremien und Verwaltungen gewählt worden sind. Eine solche Frauenvereinigung ist die AUA in Jenin, eine Organisation zur sozialen, ökonomischen und kulturellen Förderung der Frauen von Jenin. Die Vereinigung bietet psychologische Beratung für Frauen an, organisiert Berufsbildungskurse und Weiterbildungskurse für Frauen an, damit die Frauen über ein – wenn auch kleines – Einkommen verfügen und somit auch an Autonomie und Selbstschätzung gewinnen. Die Vereinigung bietet aber auch Nachhilfe für Schülerinnen und führt ein Kinder- und Jugendzentrum. Ein wichtiger Tätigkeitsbereich liegt in der Sexualaufklärung. Die Aktivitäten der Frauenvereinigung von Jenin sind auch auf die umliegenden Dörfer ausgeweitet, rund vierhundert Freiwillige sind in den Projekten der Vereinigung involviert. An diesen Zahlen lässt sich ablesen, wie wichtig die Unterstützung des Vereins- und Genossenschaftswesen in Palästina die ökonomische und soziale Entwicklung des Landes ist. Die Unterstützung der Landwirte hat aber auch zum Ziel, sie wieder zu motivieren, sich am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen. Viele Bauern gehen nicht mehr wählen, weil sie jegliches Vertrauen zur Politik verloren haben, sie gehören zur „silent majority“. Um ihnen wieder Hoffnung einzuflößen unterstützt die PARC über 600 Organisationen bzw. Gemeinschaftsprojekte. Die Wichtigkeit der Landwirtschaft wird auch dadurch unterstrichen, dass an der Universität Betlehem in Zusammenarbeit mit ausländischen Hochschulen, wie jene von Pavia und Dublin, ein Master in Agriculture Management angeboten wird.

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